Auf Odyssee

Es schaukelt. Es schaukelt gewaltig. Immer wieder taucht der Horizont rechts und links von uns auf und verschwindet wieder. Ich habe gerade gegessen und spüre, dass sich die letzte Birne bemerkbar macht.

„Ich hoffe, das ist normal“, murmelt L., die neben F. sitzt und eigentlich ihr Buch lesen wollte.

Ich schließe die Augen. „Noch ist niemand panisch, also bestimmt“, murmele ich.

Wir wollen nach Montevideo, unser Osterwochenende in Südamerika mit einer kurzen Reise versüßen. Die Fahrt über den Rio de la Plata ist schnell und günstig. Erst geht es nach Colonia del Sacramento, dann mit dem Bus weiter bis in die Hauptstadt Uruguays, wo schon Jorge Luis Borges fernab des Lärms in Buenos Aires seine Wochenenden verbrachte.

Wie wir hat auch F. an seiner Einsatzstelle frei. Also Koffer gepackt, Schiff gebucht und los.

„Fahren wir eigentlich wieder in die gleiche Richtung?“, fragt F. und schafft es tatsächlich, aus dem Fenster zu schauen. „Komische Route.“

Ich schließe die Augen und versuche, das Schwaukeln irgendwie innerlich auszugleichen. Eine junge Frau schwankt durch unsere Reihen und verteilt Beutelchen. Jemand wiederholt F.s Frage auf Spanisch. Die Frau nickt. „Ja, ja, wir fahren nach Buenos Aires zurück.“

Warum sagt sie uns nicht.

Und auch als L. Und ich noch zwei Stunden später zitternd unter der Klimaanlage der Abfertigungshalle am Hafen sitzen, erklärt uns niemand, was los ist, warum wir nicht weiterfahren, ob wir das Gebäude verlassen können. Wir freunden uns mit einer Brasilianerin und ihrem deutschen Freund an, treffen Menschen aus Liechtenstein und warten. Irgendwann werden Sandwichs verteilt. Käse, Schinken, Hühnchen und etwas, das sich Brot nennt. Dazu gibt es Wasser und Cola Light. Die Brasilianerin versteht den Kapitän akustisch. Ein Unwetter hindert uns an der Überfahrt, wir werden warten bis es besser wird.

Also warten wir.

Lernen noch mehr Menschen kennen. Es wird spät.

Sie servieren schlechten Kaffee, den F. und ich trotzdem aus Gewohnheit schwarz trinken, und Café con Leche aus der Tüte.

Wir warten weiter.

Inzwischen ist es 10, 11, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Wer gehen möchte verliert seinen Anspruch auf das Ticket. Und reist illegal nach Argentinien ein. Die Damen und Herren von den Aus- und Einreiseschaltern haben schon Feierabend gemacht und verteilen keine Stempel mehr.

Wir harren aus. Auf unseren Rucksäcken und geklauten Bürostühlen. Mit Café con Leche und weichen Sandwichs.

Es wird Mitternacht, die Brasilianerin und ihr Freund werden ihren Anschlussflug in Montevideo verpassen. Wir verschwenden immerhin nur eine Nacht.

Um 8 Uhr lassen sie uns auf ein größeres Schiff. Wir sinken in die Sessel und schlafen sofort ein. Im Bus versuche ich noch, die Landschaft anzusehen. Ich kann aber nur noch erkennen, wie grün es hier ist und wie schön die uruguayischen Pferde. Dann sinkt mir der Kopf auf die Brust und ich schlafe ein. Irgendwann sind wir in Montevideo. Gefühlte Tage später. Wir laufen zum Hostel und stellen fest, dass christliche Feiertage in Uruguay ernster genommen werden als in Argentinien. Fast alles hat zu. Schließlich finden wir erst eine Panadería und einen McDonalds um den ersten Hunger zu stillen und landen schließlich in einem kleinen Café mit deutschsprechendem Kellner, der uns Salat serviert und die Wasserflaschen auffüllt.

„Hallelujah“, murmele ich und merke, dass ich mich selten so über einen Salat freuen konnte.

Wir wandern durch die ruhige Altstadt und folgen F. zum Meer. Er stellt sich auf die Kaimauer und trotzt dem Wind, während wir Mädchen überlegen, wo wir wohl einen Pullover kaufen können, wenn hier an Ostern alles zu hat.

Wir nutzen die nächsten Tage trotz Regen so gut und intensiv wie möglich. Dulce de Leche zum Frühstück, noch mehr schlechten Kaffee, ein Mittagessen in einer Parilla, Altstadt, Theater, alte Buchhandlungen, ein internationales Radrennen und ein Gaucho-Event.

Die Rückfahrt schließlich geht auch über Nacht. Allerdings ohne Probleme. L. und ich verlassen das Schiff bei strahlendem Sonnenschein und gehen direkt zur Arbeit. Mit einem kleinen Umweg über Starbucks, deren Kaffee um Längen besser ist als der Café con Leche aus der Tüte.

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