Los Olores

Wenn ich durch die Stadt laufe, dann rieche ich. Gerüche sind Erinnerungstrigger. Sie lassen mich lächeln, weil ich an einen Moment denken muss, in dem es genauso gerochen hat. Ich schüttle den Kopf, weil es doch nicht sein kann, dass zwei Orte so ähnlich riechen. Orte erschließe ich mir über Gerüche.

Morgens, wenn ich joggen gehe, wacht die Stadt langsam auf. Kinder gehen zur Schule, die ersten Polizisten begeben sich auf ihren Posten vor der Wache. Während ich durch die Straßen renne, schrubben einige Portiers die Straße vor ihren Gebäuden. Es riecht nach Seife, sauber und künstlich. Aus den Panaderias wabert der Geruch von frischem Gebäck, warmer Hefeteig, der im Ofen erst richtig aufgeht, Zucker und ein Hauch von Zimt und Schokolade.

Auf dem Weg zur Arbeit laufe ich durch andere Gerüche, die mein Bild von Buenos Aires prägen. Aus den Fleischereien riecht es süßlich, nach Tod. Nicht unangenehm, aber trotzdem eklig. Halbe Schweine und Rinder hängen in den Schaufenstern der Carnicerías, in denen schon morgens für das Asado eingekauft wird. Dazwischen immer wieder Pizza, geschmolzener Käse auf wenig Tomatensauce.

In ruhigeren Gassen der Wohnviertel dominiert immer wieder der Geruch von Hundekot, in den ein Fußgänger wieder versehentlich getreten ist.

Je näher ich dem Zentrum komme, desto öfter rieche ich den Geruch, der mir am besten gefällt. Meine persönliche Herznote für diese Stadt. Zwischen all den Abgasen und dem Dreck schwebt immer wieder der süße, verführerische Geruch gebrannter Nüsse auf, die an vielen Straßenecken verkauft werden.

Fast jeden zweiten Tag unterbricht der Geruch nach Schwarzpulver und Silvester die Süße. Die Porteños protestieren wieder. Und dafür zünden sie Feuerwerke und Leuchtmittel, für die sie in Deutschland lebenslanges Stadionverbot bekämen. Manchmal demonstrieren sie auch friedlich. Dann riecht es nach Marihuana, während die Demonstranten selig lächelnd ihrem Asado entgegen spazieren. Wieder verbranntes, wieder der Geruch nach totem Fleisch.

Und dazwischen immer wieder gebrannte Erdnüsse und ein bisschen Kaffee aus den Restobars und Cafés.

Unsere Wohnung riecht ein wenig modrig. Der Eingangsbereich ist offen und feucht und jeden Abend zwickt meine Nase kurz, wenn ich aufschließe und die Treppen nach oben eile. Aus der Küche schlägt mir dann oft der Geruch von angebranntem Öl und gebratenem Fleisch entgegen. N. hat sich sein tägliches Schnitzel gebraten. Oder zwei. Oder drei.

Der Geruch der nach oben steigt und direkt vor meiner Zimmertür hängen bleibt bis ihn die Sonne am nächsten Morgen vertreibt, ist nicht unbedingt das, was ich als angenehm definiere. Also zünde ich Abend für Abend eine Duftkerze an und erinnere mich an die gebrannten Erdnüsse in der Stadt.

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