Fehlende Fenster

am

Ich fühle mich wohl in unserer großen Wohnung. Ich mag den schmalen Gang unter freiem Himmel, der von der schmiedeeisernen Haustür zu den beiden Wohnungen führt. Ich mag die Pflanzen, die unsere Vermieter auf der Treppe und im Flur verteilt haben. Mir gefällt die hohe Glasfront, die schmale Treppe, die an der Küche vorbei erst zu meinem kleinen Zimmer und dann zur Dachterrasse führt. Mir gefallen all die Backsteine und das Holz.

Ich wohne gerne hier.

Aber neulich, als wir alle Wäsche waschen mussten, weil niemand mehr Socken übrig hatte, wurde mir bewusst, was mir in dem kleinsten Zimmer der großen Wohnung fehlt. Wie ein kleiner Schlag traf es mich plötzlich und seitdem piekst es irgendwo links in meiner Brust, wenn ich abends einzuschlafen versuche.

Mein Mitbewohner M. stand neben der Wäscheleine, die schwer mit Socken und Unterhosen beladen einmal quer über die Terrasse reichte. Er telefonierte mit seiner kleinen Tochter, erklärte ihr das Glitzern am klaren Himmel und deutete immer wieder nach oben. Stellvertretend für das kleine Mädchen am anderen Ende der Stadt folgte ich M.s Armen und erkannte mehr und mehr Sterne im Mitternachtsblau des frühen Abends. Der Himmel über Buenos Aires war klar, kein Windhauch, keine Wolke.
Und Plötzlich
Der Mond.
Fast voll, am Abnehmen.
Etwas in mir zuckte zusammen und M.s Erklärungen verschwammen zu einem fernen Rauschen ohne klare Worte. Bewegungslos starrte ich nach oben.

Der Mond.

Das silbrige, seltsam ruhige Licht des Mondes hat mich schon immer fasziniert. Mich beruhigt, getröstet, wenn ich einsam war. Wenn ich nicht schlafen konnte.

Ich stand da, betrachtete den fernen Trabanten wie einen alten, vernachlässigten Liebhaber und begriff, warum ich ihn und all seine Schönheit vergessen hatte. In jeder meiner bisherigen Wohnungen konnte ich vom bett aus zumindest eine Ahnung vom silbernen Dunst erhaschen. Meine Kindheit, meine Jugend und mein Studium waren begleitet von Mondlicht,  das durch mein Fenster scheint.

Hier habe ich nur ein Fenster in den Flur. Die Glasfront dort ist aus Milchglas, die Küche hat gar kein Fenster.

Ich wankte die Stufen hinunter zurück in mein Zimmer und realisierte, dass keines der Zimmer ein Fenster nach draußen besaß. Kopfschüttelnd setzte ich mich. Auch bei der Arbeit gab es keine Fenster, begriff ich. Höchstens mit Blick auf den Gang.

Ich überlegte und versuchte, mich an Fenster in Buenos Aires zu erinnern.

Nichts.

Nur der Deutsche Club, zwanzig Stockwerke über dem Goethe Institut fiel mir ein. Mit Blick auf die Stadt.

Und den Mond.

 

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