Vom Laufen

am

Ein bisschen anders hatte ich mir das schon vorgestellt letzte Woche im Bus. Glamouröser, aufwendiger und vor allem hell und warm.

Jetzt stehe ich zitternd an der Costanera Sur und warte an den Dixi-Klos an, die man hier passenderweise direkt químicos nennt. Um mich herum nur durchtrainierte, lachende Menschen, die die Arme kreisen lassen und professionell von rechts nach links springen. Es ist kurz vor acht, die Subte fährt noch nicht und ich werde gleich an meinem ersten Rennen teilnehmen.

Als der Bus aus Asunción kurz vorm Retiro nicht viel mehr als Schritttempo fahren konnte, begann ich willkürlich zu googeln und beschloss spontan, mich für das kommende Wochenende für dieses Rennen anzumelden. Eine spanisch-argentinische Kooperation. Ich löste das Problem mit der Identifikation ohne argentinische DNI, holte mein Starter-Kit und lächelte die ganze Woche voller Vorfreude vor mich hin. Stellte mir vor, mit anderen zu laufen, mich motivieren zu lassen.

Jetzt bin ich vor allem eingeschüchtert. Kaum jemand scheint meine Distanz zu laufen, alle sind besser, größer fitter. Und warum haben die alle so lange Beine? Und eigentlich hatte ich mit den ganzen Reisen doch auch gar nicht genug Zeit, mich vorzubereiten. Ich stelle mich mit einem etwas mulmigen Gefühl in den Pulk vor der Startlinie. Zum Glück tragen alle das gleiche leuchtend rote Shirt und ich falle nicht auf. Kein Startschuss, nichts. Es geht einfach los.20160626_082727

Ich trotte los. Und werde schneller. Um mich herum nur das Trommeln von Füßen auf Asphalt, ab und an ein lautes Lachen, ein Winken wenn eine Kamera am Streckenrand auftaucht. Während es langsam richtig hell wird, vertraue ich auf den Rhythmus meiner Füße, die mich zuverlässig durch den kalten Wind am Rio de la Plata tragen. Gleichmäßig trommeln sie mit den zahlreichen anderen Füßen um die Wette. Ein paar Läufer ziehen an mir vorbei, ab und an ein Lächeln, ein Nicken. Die Angst, nicht fit genug zu sein für ein ganzes Rennen, schwindet langsam. Ich lächle und nicke zurück. Und dann beschließe ich, einfach anzuziehen. Der Rhythmus meiner Füße wird schneller. Ich fokussiere einen Mann vor mir, der kein rotes T-Shirt trägt. Grün, Komplementär-Kontrast, daran kann ich mich festhalten. Er läuft gleichmäßig, recht schnell. Ich beschleunige noch einmal, nähere mich ihm. Kurz bevor ich ihn einholen kann biegt er ab und läuft die andere Strecke ohne mich weiter.

Also beginne ich, diejenigen, die in meiner Nähe laufen zu überholen. Erst partiell, dann immer schneller und möglichst alle. Ich laufe und laufe und in mir regt sich etwas, das ich als Endorphin identifiziere.

Und dann ist es trotz Kälte und Uhrzeit doch fast so, wie ich es mir vorgestellt habe, neulich im Bus.

Ich nehme noch einmal Tempo auf, mein Herzschlag beschleunigt mit meinen Beinen. Um die Wette trommelnd überhole ich noch ein paar andere, dann kommt die Ziellinie. Einmal noch anziehen. Einmal noch mehr geben.

Direkt hinter der Ziellinie reichen mir zwei junge Männer eine Flasche Wasser und Cornflakes. Ein paar Schritte weiter bekomme ich eine Medaille. Ich nehme einen großen Schluck Wasser und schaue auf meine Uhr. Inzwischen dürfte auch die Subte fahren.

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