Fast wie im Biergarten

am

Wir treffen uns in einer Bar in Palermo.
Alle sprechen Deutsch, nur die Kellnerin nicht. Es gibt Bratwurst, Sauerkraut und Rotkohl. Dazu eine große Auswahl an Bier und Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat.
Es ist EM und hier bei Krämers ist es fast, als würden wir im heimischen Biergarten sitzen. Nur ohne Sonne. Und Luft. Dicht an dicht stehen Männer und Frauen in Deutschland-Trikots in dem auf zwanzig Gäste ausgelegten Raum. L. ärgert sich, ihr eigenes Trikot wieder vergessen zu haben. „Beim nächsten Spiel“, sagt sie, während kleine Kinder von der Bar bis zu ihren Müttern an der Tür durchgereicht werden. Radler gibt es keines, also mischen T. und L. sich eines zurecht. Es herrscht buena onda. Nur eben auf Deutsch.
Während das Spiel langsam anläuft und Italien den Ball ja eigentlich kaum vor die Füße bekommt, frage ich mich, was all die deutschen Menschen eigentlich machen, warum sie in Buenos Aires gelandet sind und jetzt ein deutsches Fußballspiel in einer Kneipe mit deutschen Delikatessen ansehen. Ich versuche, ihre Geschichten aus den Gesprächen um mich herum herauszufiltern, auch wenn ich ebenfalls begeistert bin, dass Schweinsteiger eingewechselt wird und Özil trifft. Jemand fliegt morgen in der Früh wieder nach Hause und weiß noch nicht, ob es sich anbietet, die Nacht durchzumachen. Eine andere Stimme erzählt, dass sie bisher nur mit den Kollegen unterwegs war, was super fürs Spanisch sei. Bei einem anderen Angestellten funktioniert schon das Beantworten der Mails nicht ohne Googletranslator, der ist den ganzen Tag offen. Eine junge Mutter nimmt das Auto und fährt mit den Kindern zu einer anderen deutschen Mutter, wie sie ihrem Mann mitteilt. Der Mann trinkt noch ein Bier.
Die Luft wird immer dicker, draußen prasselt der Regen, den die Stadt schon die ganze Woche versprochen hat. In Frankreich ist es trocken, aber es erfolgt der italienische Ausgleich, was auch die Stimmung hier in Palermo runterzieht. Der Wirt läuft hinter der Theke kopfschüttelnd hin und her, schenkt ein Bier nach dem nächsten aus und brüllt ab und an auf Spanisch, wenn auf einem der beiden Bildschirme etwas passiert. Ich habe die Idee, noch vor der Verlängerung zur Toilette zu gehen. Die ist auf der anderen Seite des Raumes. Mit deutschen Entschuldigungen boxe ich mich durch und kehre zum Elfmeterschießen auf meinen Platz zurück.
Der Regen draußen wird aggressiver, die deshalb abstinenten Raucher unruhiger und die allgemeine Stimmung nervöser. Gespannt starren alle auf die Bildschirme. Neuer wird angefeuert. Elfmeter um Elfmeter zieht sich der Weg ins Halbfinale in die Länge. Ich glaube nicht mehr an einen guten Ausgang, dabei hätte ich so gerne gegen Island gespielt. Oder spielen lassen.
Noch einmal treffen…dann, dann…
Tor!
Wie in Deutschland liegen sich die Menschen in den Armen, stoßen an, bestellen noch eine Runde Bier. Ganz egal ob Quilmes oder Warsteiner. Oder fast egal. Alle freuen sich, wenn auch nicht ganz so laut wie der argentinische Wirt.

Der Weg nach Hause führt durch den Regen, die Straßen der großen Stadt sind seltsam leer. Wahrscheinlich wird es morgen auch regnen. Und in Frankreich wieder Fußball gespielt. Hoffentlich geht es in unserer deutschen Kneipe dann auch bald weiter.

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