Machismo auf dem Land

„So hab ich mir das vorgestellt mit Argentinien“, seufzt L. Sie klopft ihr Pferd und schließt kurz die Augen.
„Ja, stimmt“, sage ich.
„Ein Ritt in den Sonnenuntergang.“

Ich lache, aber es stimmt. Vorne am Horizont geht die Sonne langsam in die Pampa über. Hätten wir Sporen eingepackt, würden wir sie unseren Pferden jetzt vielleicht geben. Aber Fina und Gusifai, Criollos mit Vollblut-Vater, galoppieren auch so an und tragen uns nebeneinander über das grüne Gras bis zurück zur Estancia.
Ich erinnere mich an die erste Kontaktaufnahme mit L., damals im November. Als wir festgestellt hatten, dass wir gemeinsam fliegen würden und die ersten Pläne für unsere Zeit im Süden schmiedeten. Ob ich reiten könne. Oder Lust habe, das mal auszuprobieren.
Jetzt galoppieren wir nebeneinander durch die Pampa. Leichtsinnig ohne Helm, in den falschen Schuhen und mit Steigbügeln, die an Turnringe erinnern, aber wenig Halt bieten als mein Wallach Tupa angesichts des Fohlens und seines Percherón-Vaters, die auf einer Weide am Rand stehen, ein wenig zu buckeln anfängt. Oder als Gusifai eine Stunde später Gas gibt, weil ihm L. und Fina zu weit vorn sind. Kurz bevor wir dann beschließen, dass uns das Risiko egal ist und wir einfach losgaloppieren. Wegen des Sonnenuntergangs.
„Das sind eben die Machos“, erklärt mir G., der Besitzer der Estancia, auf der wir das Wochenende verbringen. Ich brauche einen Moment, bis ich begreife, dass er von den Pferden spricht. „Alle anderen sind Stuten, aber die drei…und Tupa kennt die anderen nicht. Also sind sie eben etwas aufgeweckter. Die Machos.“


Tupa verbringt seine Nächte mit einem Pony und zwei Schweinen auf einer anderen Weide. Gusifai hütet die Stuten und der Percherón sein teures Fohlen, das G.s Frau gerne Spirit nennen möchte. Darüber wird beim Abendessen wild diskutiert. An unserem Tisch sitzt die Familie der Estancia, ein junges Ärzte-Paar aus Buenos Aires und ein älterer Herr, der optisch an Gauck erinnert und dessen Frau kaum älter ist als seine Tochter, wie er erzählt. Zusammen mit G. bespricht er den steigenden Preis der Criollos, die mir im Vergleich zu deutschen Pferden doch recht günstig erscheinen.

T., L. und ich sind die übrigen Gäste, die von zwei Hausangestellten der Estancia mit hausgemachten Köstlichkeiten bedient werden und Cola schlürfen, während im Ofen ein Feuer knistert. Die Unabhängigkeit Argentiniens jährt sich zum 200. Mal und wir sind der Stadt entflohen. Aufs Land. Zu den Pferden. Wie versprochen. Im Internet fanden wir eine Estancia drei Stunden von Buenos Aires und T. beschloss spontan, mitzukommen. Es ist ruhig, familiär, riecht nach Holz und Pferd. Ab und an hört man draußen ein Wiehern oder ein Grunzen. Gegessen wird zusammen mit allen Gästen. Vier Mal mit Vorspeise und Nachtisch. Und dann wird diskutiert.

Auch über Themen, die L. früher ins Bett treiben und T. wütend machen.

„Es gibt Arbeit für Männer und Frauen“, erklärt G. tatsächlich, als sein französischer Schwager erzählt, seine kleine Tochter wolle Pilotin werden. „Das sollte man nicht mischen.“
„Das stimmt doch gar nicht“, sagen T. und ich vehement. Die junge Frau von Gauck nickt. G.s Frau schweigt.

„Doch, doch. Das lässt sich ganz einfach nachweisen. Die Gehirne von Männern und Frauen sind unterschiedlich. Manche Sachen können Frauen also gar nicht machen.“

Ich schnappe nach Luft, T. sucht nach den richtigen Worten, die in ihrem warmen Spanisch aber nicht scharf genug klingen. Der Franzose ist auf unserer Seite. Gauck nicht.

Ich fand G. sympathisch. Bis er Frauen dann auch noch die körperliche Fähigkeit abspricht, auf dem gleichen Niveau Leistungssport zu betreiben wie Männer.

Am nächsten Tag reitet er mit uns aus und versöhnt mich wieder etwas, als er von seiner Frau spricht. Die scheint zu allem fähig zu sein. Trotzdem wechsel ich irgendwann wieder an L.s Seite, mit der ich mich auf meinem Pony sitzend über die Sonne freue. Wir galoppieren vor und zurück, während T. neben G. reitet und ihn vielleicht etwas von all ihren Fähigkeiten überzeugt. L. Und ich galoppieren über das Grün der Wiesen, die im hellen Sonnenlicht plötzlich ein wenig an Irland erinnern. Die Weite der Pampa ist schon hier in den äußeren Rändern der Provinz Buenos Aires zu erkennen. Man scheint ewig weiter galoppieren zu können ohne jemals auf eine Stadt, einen Baum oder einen anderen Menschen treffen zu müssen. Das Land ist flach wie daheim in Niedersachsen. Nur die Wälder fehlen. Das Pony namens Sternchen aber erinnert mich auch an Ausritte über Stoppelfelder. Damals waren es andere Ponys. Die Reiterin jünger. Das Tempo und der Spaß sind auf beiden Kontinenten und zu beiden Zeiten gleich.

Auf der Estancia spielen wir mit den Hunden, essen Kumquats und Pecans direkt vom Baum. Während die anderen sich ausruhen habe ich endlich Zeit für meine Kamera. Meine Finger riechen wieder nach Pferd und ich merke, wie sehr ihnen das gefehlt hat.

Unsere Rückfahrt verzögert sich schließlich. Während wir fast eine Stunde am Straßenrand von Arrecifes auf den Bus warten und laut Time of my life schmettern, ahnen wir also schon, dass wir eigentlich viel lieber noch länger hier blieben als zurück nach Buenos Aires zu fahren. Die Stadt ist ausgefeiert und müde von der Unabhängigkeit als wir mitten in der Nacht schließlich ankommen und eigentlich nur noch schlafen wollen.

Ein bisschen ländlich bleibe ich noch. Nachdem ich meine Fingernägel sauber geschrubbt habe, röste ich ein paar Nüsse im Ofen. Selbst gesammelt.

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