Erinnerung. Paraguay

Diesen einen Abend werde ich wohl nicht vergessen. Zum ersten Mal in meinem Leben kam mir das Lagerfeuer unheimlich vor, der Sternenhimmel hässlich und die Menschen darunter unverständlich. Ich erinnere mich manchmal daran, an den schönen sonnigen Tag und den Einkauf zum Grillfest danach. Und dann stehe ich plötzlich wieder neben F. auf dem Hof eines Anwesens in Paraguay. Vor uns das Lagerfeuer, um uns herum lauter Dinge, die nicht ganz richtig sind, nicht in unser Weltbild passen. F.s Nachbarin hat uns den ganzen Tag durch die Gegend gefahren, wir waren in der nächsten größeren Stadt, haben Baumwollblusen gekauft und traditionelle paraguayische Röcke anprobiert. Abends sind wir nun also alle zusammen zum Grillen eingeladen. Bei jemandem aus der Kolonie, mit dem die Nachbarin befreundet ist. Eigentlich.

Es ist spät, als wir aus dem Dorf mit der handgewebten und bestickten Baumwolle zurückkommen. Wir beeilen uns, damit wir es rechtzeitig zum Grillen schaffen. F. und ich werfen uns einen belustigten Blick zu, als wir auf den Hof einfahren. Neben der Auffahrt hängt die Flagge des deutschen Reichs mit eisernem Kreuz. Aber gut. Etwas rechts scheinen hier alle zu sein. Und vielleicht ist es ein Scherz. Wenn auch ein schlechter. Die Kohlen glühen schon, auf dem ganzen Gelände unterhalten sich Menschen auf Deutsch, was mir wiederum Spanisch vorkommt, für F. aber längst Alltag ist. In der Kolonie wird Deutsch gesprochen.

Wir stellen unsere Getränke und den Kartoffelsalat von F.s Nachbarin auf einen Tisch in der Garage nahe des Grills. Ein alter Mann in Knickerbocker begrüßt uns. Seine rechte Hand zittert unkontrolliert.

„Willkommen“, sagt er und schüttelt uns trotz Tremor lange die Hand. „Wir verabschieden jetzt das alte germanische Jahr, es ist Sommersonnenwende.“

Ich erinnere mich an meine esoterischen Grundkenntnisse und rechne. Eigentlich ist erst am kommenden Dienstag Wintersonnenwende. Ich frage mich, ob man hier auf der Südhalbkugel nicht auch eigentlich Sommersonnenwende feiern müsste, kann meine Zunge aber im Zaum halten.

Am Dienstag habe eben niemand Zeit, bemerkt der Alte. Darum habe man das vorverlegt.

„Gleich geht es los“, sagt er und drückt uns Zettel in die Hand. „Wünsche für´s neue Jahr, die werfen wir dann uns Feuer.“

Er lässt uns allein und geht zu einem kleinen Pult. Erst jetzt sehen wir den riesigen Scheiterhaufen daneben. Und die umgedrehte deutsche Flagge darüber.

F.s Nachbarin und ihre beste Freundin werfen sich lange, vielsagende Blicke zu. Sie verstehen etwas, das F. und ich noch nicht verstehen wollen.

„Von Wintersonnenwendfeier hast du mir nichts gesagt“, zischt die Nachbarin einer anderen Freundin zu, die winkt aber nur ab. „Grillen hieß es! Ein Grillfest.“

F. und ich beschließen, uns dezent zurückzuhalten.Wir stellen uns möglichst nah an die Glut unter dem Schwenkgrill, der noch auf Grillgut wartet. Gegenüber des riesigen Scheiterhaufens stellen sich drei junge Männer mit ausladenden Flaggen auf, breitbeinig, die Nase gen Himmel. Der Alte trommelt auf sein Podest und ruft alle Anwesenden zur Ordnung. Man käme nun zusammen, zunächst gebe es Ankündigungen und Feierlichkeiten.

Wir rühren uns nicht und beschließen, am Grill zu bleiben und uns nicht in den großen Kreis zu stellen, der sich vor einem Podest des Alten bildet.

Der Alte ruft uns.

Wir lächeln schwach. „Uns ist kalt“, sage ich.

F. nickt. „Wir bleiben beim Feuer.“

Das Zittern in der rechten Hand des Alten wird stärker, seine Augen treten wütend hervor. „Das ist ein Ritual! Wofür seid ihr denn sonst hier, verdammt?!“

Unruhiges Gemurmel.

Wir versuchen, am Grill zu verharren.

Wieder wird gerufen.

Die jungen Männer zucken. Ihre Schultern sind breit. Die Arme dick.

Mit ungutem Gefühl stellen wir uns ganz an den Rand des Kreises. Weit weg von den Flaggen und ihren Trägern.

Dass hier tatsächlich etwas mehr als schief läuft zeigt sich in den nächsten zwanzig Minuten, in denen wir nur deshalb nicht schreiend davon laufen, weil um uns herum auffallend viele große, trainierte Männer sind, die uns immer wieder streng ansehen.

Aus Unbehagen und böser Vorahnung wird tatsächlich Angst.

Was folgt ist eine Verherrlichung germanischer „Werte“, der sogenannten deutschen Rasse und Zitate von Personen, die nicht zitiert gehören. Wir fühlen uns wie im falschen Film. Aber ich kann mich nicht rühren, während aus dem alten Sack ein wütender Nationalsozialist wird, der gegen Deutschland und Paraguay wettert und gegen alles, was nicht wirklich germanisch und arisch ist.

„Bitte, lass es gleich vorbei sein“, murmelt jemand und ich weiß nicht mehr, ob es F.s oder meine Stimme ist.

Noch ein Zitat und ein gestreckter rechter Arm.

Dann wird das Feuer entzündet.

Ein Eid gesprochen.

Uns beiden wird schlecht und wir sind dankbar, dass F.s Nachbarin zwar auch speziell ist, aber wenigstens mit den Rechtsextremen in der Kolonie nichts zu tun haben will.

Wir beschließen zu gehen.

Gemeinsam.

Als wir unser Grillgut, den Kartoffelsalat und die Getränke einsammeln, werden wir von Kolonialisten belagert, die uns egoistisch nennen, weil wir der Nachbarin und ihrer Freundin den Abend verderben.

Wir versuchen, selbstbewusst und sicher aufzutreten und betonen, dass wir das eben gesehene nicht mit unserer Anwesenheit unterstützen wollen und können. Dass die eben getroffenen Aussagen und Behauptungen allem widersprechen, was wir sind und woran wir glauben.

„Aber der Teil ist ja jetzt vorbei“, keift die Freundin, die verschwiegen hat, welche Art von Grillfest hier gefeiert wird.

„Nee, nee“, sagt F.s Nachbarin. „Das hat auch gereicht. Ich bringe die Mädchen jetzt nach Hause.“

„Jetzt wird nur noch gefeiert. Mit allen zusammen.“

F. schluckt. „Mit solchen Menschen möchte ich nicht feiern.“
Ich versuche trotz der Colaflaschen in meinem Arm ihre Hand zu nehmen. „Sowas können wir nicht unterstützen. Wir gehen.“
Gestöhne. Man hält uns für beschränkt. „Es wird nichts mehr verkündet. Wir feiern jetzt nur noch.“

Sehr bald geben wir es auf, uns erklären zu wollen. Stattdessen werfen wir die Cola unachtsam in den Kofferraum und setzen uns auf die Rückbank in den vertrauten Geruch von Nikotin und Straßenstaub, der uns schon den ganzen Tag einhüllt. Plötzlich fühlt sich das geborgen und sicher an. Während F.s Nachbarin einige Palmen umfährt, weil wir auf der dunklen Zufahrtsstraße nicht mehr sehen als den Scheiterhaufen, der in immer weiterer Entfernung lodert, fängt F. An, stumm zu weinen. Ich greife wieder nach ihrer Hand und schüttele ungläubig den Kopf.

Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, was ich tun, wie reagieren soll. Also starre ich hinaus in die Nacht, während wir über unbefestigte Straßen fahren. F.s Nachbarin und ihre Freundin echauffieren sich über die anderen Kolonialisten, die eigentlich wissen müssten, dass sie damit nichts zu tun haben wollen. Mit sowas. Ab und an murmeln F. und ich Zustimmung.

Wir setzen uns bei F. Im Zimmer aufs Bett und atmen tief durch. In einer großen Tupperdose bekommen wir Kartoffelsalat, den wir in den Kühlschrank stopfen. Morgen früh werden wir ihn mit einer Papaya kombiniert frühstücken, mit F.s Eltern skypen und immer noch nicht genau wissen, was wir da eigentlich erlebt haben und was daraus für uns folgt.

Jetzt gehen wir in ein Restaurant, das vegetarische Erbsensuppe mit Pökelfleisch verkauft, aber immerhin Ersatz anbietet. Die Köchin spricht Spanisch und lächelt beruhigend herzlich, als sie uns Pommes und Omelette an den Tisch bringt.

F. wird schlecht schlafen und hoffen, dass sie bald zurück nach Deutschland kommt.

„Das war der Höhepunkt“, murmelt sie, als wir später in den Betten liegen. „Das war wirklich der absolute Höhepunkt an Fremdenhass und Verblendung.“

Ich traue mich nicht, von den Erlebnissen an diesem Abend zu berichten. Nicht so offiziell wie auf einem Blog, weil sich solche Geschichten dann eben doch wieder verbreiten. Und weil F. noch anderthalb Monate in der Kolonie vor sich hat. Ich will nicht, dass sie Probleme bekommt in ihren letzten Dienstwochen.

Tatsache ist, dass wir letzten Endes nicht mehr getan haben, als zu gehen.

Wir haben uns nicht beschwert, keiner Autorität Bescheid gesagt. Stattdessen haben wir den Kopf geschüttelt über so viel Ignoranz und so viel Hass und uns im sicheren Bett verkrochen. Was das über uns und unsere Moral aussagt, weiß ich immer noch nicht.

Aber wenn ich jetzt an jenen Abend denke, bemühe ich mich, auch die grüne Weite der Landschaft im Kopf zu haben. Die effizienten Busfahrer und die Chipá-Verkäuferinnnen in zu kurzen Röcken. Ich denke an die Kühe und Pferde am Straßenrand, an das Grün der Bäume und das Rot der Erde. An den folgenden Tag in Asunción, die Spritztour auf F.s Moped und an die Herzlichkeit der Paraguayer, die nicht meinen, eine Subkultur in einer Kolonie aufbauen zu müssen. Ich erinnere mich an all die Offenheit und die hassfreien Begegnungen, die mir meine Reise nach Paraguay geschenkt hat. Und dann möchte ich am liebsten wieder in den Bus steigen und nochmal durch die Sümpfe gen Norden fahren.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. das klingt richtig schlimm 😞. Gut, dass ihr da gesund und unversehrt raus gekommen seid.
    Liebe Grüsse,
    Isabelle

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