Al Sur

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Am Ende der Welt gibt es Fußbodenheizung, aber keinen Schnee. Rings um das Städtchen mit dem klangvollen Namen „Tiefgründige Bucht“ oder „Bucht am Rand“ ragen Berge in den blauen Himmel. Dazwischen klares Wasser, Felsinseln, ein einsamer Leuchtturm. Wir sind in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt.

Ich habe J. gleich an seinem ersten Tag am Goethe-Institut mehr oder weniger überredet, mich zu begleiten. Meine Flüge und das Hostel mit der Fußbodenheizung hatte ich schon ein paar Wochen vorher gebucht und als J. fragte, ob er vielleicht mitkommen könne, gefiel mir die Idee, nicht alleine an die Grenzen der menschlichen Zivilisation zu fliegen. Es brauchte allerdings nicht viel Überzeugungskraft.

Jetzt sitzen wir einträchtig nebeneinander auf der kleinen Yacht, die uns aus der Bucht Ushuaias in den Beagle Channel bringt. Wir genießen die saubere Luft, die plötzliche Ruhe. Nur ab und an schreit ein Kormoran und wir schießen Fotos von der surrealen Landschaft und den Tieren, die in ihr Leben. Die Pinguine kommen erst Ende der ersten Oktoberwoche hat man uns im Hostel vorgewarnt. Und die Tiere halten sich an ihren Terminplan, wir müssen uns mit Kormoranen, Seelöwen und Möwen begnügen. Es gibt Kaffee und Kekse, während unser Guide von den Yámana spricht, den ausgestorbenen ersten Siedlern der Bucht.Wir halten unsere Gesichter in die Sonne und fotografieren die Berge, die hinter der Bucht aufragen und sich im Wasser widerspiegeln. Die klare Luft lässt die zu kurze Nacht mit nur drei Stunden Schlaf vergessen.

Wieder ist das einer dieser Momente, in denen ich daran denken muss, wie ich mir Argentinien vorgestellt habe. Ganz am Anfang, bevor ich mich informiert hatte und aus dem Flugzeug gestiegen war. Ushuaia stand gleich zu Beginn auf meiner imaginären Liste von Reisezielen. Die letzte Stadt vor dem Südpol. Danach kommt nur noch ein kleiner Ort in Chile. Dann eiskaltes Meer, Eis, die Antarktis.

Dieses Argentinien ist ein anderes als wie es in Buenos Aires haben. Ursprünglicher und trotzdem nicht zurückgeblieben. Alles ist hier unten zwar noch teurer, aber irgendwie wirkt trotzdem alles ruhiger, gesetzter und irgendwie lohnenswerter. Keine Hektik, kein Stress. Nur klare Luft und Natur.

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Auch ohne Pinguine genießen wir die vierstündige Schifffahrt und wandern über eine der Inseln, auf der die Yámana bis Anfang des letzten Jahrhunderts unter anderem lebten. Moos, das sonst nur in den höheren Bereichen der Anden wächst, merkwürdige immergrüne Pflanzen, deren Namen mich an einen anderen Ort im Land erinnert. Als wir von Board gehen sind wir müde, aber zufrieden. Wir schlendern zurück in unser Hostel.

Das mit der Fußbodenheizung.

„Das ist kein Vergleich zu meinem Hostel zu Hause“, bemerkt J., als wir beim Abendessen in der großen Küche sitzen. Er hat noch keine Wohnung und wohnt auch in Buenos Aires in einem Hostel. „Hier könnte man es ja sogar langfristig aushalten. Es gibt ein kleines Wohnzimmer unter dem Dach, ein Klavier, nettes Personal, eine große Küche mit Esszimmer und Blick auf die Hauptstraße Ushuaias. Und eine Fußbodenheizung. Zwei Engländer und ein Amerikaner fühlen sich hier so wohl, dass sie die Betten im geteilten Zimmer nur verlassen, um sich etwas zu essen zu holen.

J. und ich setzen auf ein aktiveres Programm.

Am nächsten Morgen geht es nach dem Frühstück in die Berge, weg vom Hafen und seinem blauen Wasser. Wir wandern an der Straße entlang, auf der Suche nach einem Gletscher, der sich irgendwo in der Bergkette verstecken soll. Unterwegs finden wir eine verlassene Hotelanlage. Und einen treuen Begleiter.

„Wir sollten ihm einen Namen geben“, findet J., als uns der Hund auch nach fast zwei Stunden Wanderung noch nicht wieder verlassen hat.

Ich nicke. „Das wäre vielleicht nett.“

„Wenn es ein er ist, bin ich für Ben.“
Ich bin froh, dass ein Blick zwischen die Beine des braun-schwarzen Mischlings eine Hündin offenbart. Wir überlegen kurz. Dann taufen wir sie Juana. Nach weiteren zwanzig Minuten hört sie auf ihren neuen Namen. Sie läuft voraus und kommt immer wieder zurück, um sicherzugehen, dass wir noch da sind. Zwischendurch lässt sie sich streicheln oder jagt Vögel.

„Ich sehe kein Eis“, sage ich.

„Gleich. Bestimmt da hinten. Hinter der Kurve“, antwortet J. jedes Mal.

Juana läuft begeistert um jede dieser Kurven.

Schließlich müssen wir feststellen, dass der Camino al Glaciar Martial nur den Weg zum ehemaligen Standort eines nicht mehr tatsächlich existierenden Gletschers ist. Wie die Yámana ist er inzwischen verschwunden.

„Das alles ist der Gletscher“, erklärt ein Mann aus Rosario, der auf einer Bank sitzt und die Berge anschaut. Er deutet auf die Ebene, auf der wir stehen. „Ja, ich dachte auch, da wäre noch mehr da.“

Fotos machen wir trotzdem.
Dann wandern wir mit Juana im Schlepptau zurück in die Stadt. Erschöpft von der frischen Luft und der Steigung der Berge, beschließen wir, das Museum auf den nächsten Tag zu verschieben. Stattdessen kaufen wir Souvenirs ein und lassen uns im Touristenbüro unseren Besuch per Stempel im Pass bescheinigen.

Dann fallen wir im Hostel erschlagen von der frischen Luft in unsere Betten.

Es folgt ein Vormittag im südlichsten Zug der Welt, der uns durch den Parque Nacional del Tierra de Fuego kutschiert. Vorbei an abgeholzten Waldflächen und kleinen Wasserfällen. Mir fehlt Juana, die uns irgendwo zwischen Gletscher und Hauptstraße wieder uns selbst überlassen hat. Sie hätte sicher Spaß gehabt, die Vögel und Pferde hier über Wald und Wiesen zu jagen.

Als wir an der Zugstation überlegen, wie wir in die Stadt und zu seinem Museum kommen, erschrickt J. über meinen Mangel an Abenteuererfahrung: „Du bist noch nie getrampt?“

„Ich trau mich nicht.“
„Okay. Das ändern wir jetzt.“
„Aber hier nimmt uns doch sicher niemand mit.“
„Ich garantiere dir, dass uns eines der ersten drei Autos mitnimmt.“
Es ist das fünfte und zählt nur zur Hälfte, weil es sich um eine Remise handelt, die ohnehin auf dem Weg in die Stadt ist. Der Fahrer, eingewandert aus Bolivien, beweist aber wieder, wie nett die Menschen in Argentinien meist sind. Er berechnet uns nichts für die Fahrt und wünscht uns einen schönen weiteren Aufenthalt.

Wir kochen wieder, weil alles in Ushuaia teuer ist. Selbst das schlechte Museum, für das wir für einen Aufenthalt von einer Stunde zwischen verstaubten Exponaten und veralteten Informationen 15€ Eintritt zahlen. Am teuersten aber sind die Souvenirs, die auseinander fallen, wenn man sie nur ansieht. Wir kaufen trotzdem etwas, schließlich ist man wahrscheinlich nur einmal am Ende der Welt.

Und nach dem gekochten Essen im Hostel gehen wir zum Abschluss auch noch teures, patagonisches Eis essen. Statt für Dulce de Leche entscheidet J. sich für Calafate, von dem schon auf der Bootstour gesprochen wurde. Ich habe eine Marmelade für meine Mitbewohner aus Calafate gekauft, aber worum genau es sich handelt, wissen wir beide nicht.

„Schmeckt wie komisches Erdbeereis“, sagt J. Und gibt mir einen Löffel zum Probieren. Er hat Recht und ich muss an Fruchtzwerge denken. Da uns das aber immer noch nichts genaueres sagt, googeln wir, während im Hintergrund Amy Winehouse singt. Die Buchsblättrige Berberitze wächst in ganz Patagonien, verrät uns das Internet. In Chile und Argentinien gilt sie als Symbol für die Region.

„Und“, lese ich mit erhobenem Zeigefinger vor. „Wer davon isst, kommt wieder…el que come calafate ha de volver.“

Als das Flugzeug am nächsten Morgen wieder Richtung Norden startet und sich Meer und Berge immer weiter von uns entfernen, beschließen wir, dass dieses Sprichwort stimmen muss. Eine Reise nach Patagonien muss es wohl noch einmal werden. Immerhin haben wir hier schon ein Haustier, das bringt auch Verantwortung mit sich.

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Yámana

El Calafate

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