Auf Spurensuche

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Ich frage mich manchmal, wie Buenos Aires wohl früher war. Vor der Diktatur, als die Schlösser der schweren Eingangstüren wirklich noch Hightech waren und die gekachelten Fassaden der 60er-Jahre-Bauten tatsächlich schick. Als die Inflation noch nicht alles aufgefressen hatte. Als hinter den verlassenen und zugerammelten Prachtbauten noch Leben herrschte und nicht die Leere gähnte, wie hinter dem, das ich irgendwann auf einem Spaziergang fotografiere:

 

„Früher war hier vieles anders“, bestätigt E.s Vater und drückt mir einen Roman in die Hand. Die Tochter eines Freundes hat ihn geschrieben. Sie lebt jetzt in Berlin. „Wie ihr zwei“, lächelt er und nickt in meine und E.s Richtung, obwohl wir ja jetzt auch beide hier in Buenos Aires wohnen.

Ich wandere durch die Straßen und suche nach Spuren des alten Buenos Aires, den Roman im Rucksack verbuddelt. Er gefällt mir nicht, aber das kann ich E.s Vater schlecht sagen.

Da sind die Zeitungshäuschen an den ohnehin zu schmalen Ecken der Gehwege. Die alten Herren mit pomiertem Haar. Ab und an findet man noch eine Erinnerung an die Fileteados, die die Stadt früher gepflastert haben müssen.

„Die Collectivos waren früher reine Kunstwerke“, nickt E.s Vater.

„Über und über bemalt?“, frage ich. „Solche Busse haben sie irgendwann bei mir im Viertel ausgestellt.“ Ich erinnere mich an das Straßenfest. An Gardel auf den kleinen, sympathischen Bussen. Manchmal finden sich die Motive der Fileteados auch in den Straßen wieder. In Boedo und San Telmo findet man manchmal Streetart in diesem Stil. Manche Cafés greifen die alte Kunst in ihren Schildern auf. Ansonsten sind sie scheinbarer Klarheit und Ordnung gewichen.

Auch Feigenbäume gibt es nicht mehr.

„Als ich klein war“, hat meine Chefin P. irgendwann erzählt. „Haben wir nicht nur auf der Straße gespielt. Es hatte auch fast jeder einen Feigenbaum im Garten. Frisch schmecken die unvergleichlich…“

Wenn ich jetzt durch die dreckigen Straßen streife, kann ich mir kaum vorstellen, dass jemand hier in dieser Stadt etwas vom Baum pflückt und isst, ohne das Obst abzuwaschen.

Wie muss es gewesen sein, damals als man in Paris noch sagte „Reich wie ein Argentinier“?

Ich suche nach Fasern dieser Zeit. Nach Beweisen, dass es sie gegeben hat. Dabei stelle ich fest, dass ich mich in einem Argentinien vor den 70ern, vielleicht noch weiter zurück, wahrscheinlich wohler gefühlt hätte. Vielleicht sogar wie zu Hause. Aber dann denke ich an Deutschland und stelle fest, dass auch dort die Vorstellung einer vergangenen Welt eine gewisse Anziehung auf mich ausübt. Ich schüttele den Kopf und gehe weiter durch die Stadt, die jetzt so gerne wie Paris wäre. Wenn ich schon keine Szenen aus vergangenen Zeiten finde, dann vielleicht eine Tasse Kaffee und ein paar Minuten, um doch noch Gefallen an dem fremden Roman zu finden.

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