Mitbewohner…

am

Ich kenne Ratten eigentlich nur als Haustiere. Klug, gepflegt, weiches Fell.

Die, die mein Mitbewohner J. und ich jetzt in meinem Zimmer suchen, ist Freiwild sozusagen. Sie hat trotzdem große Augen, weswegen ich darauf bestanden habe, sie zu fangen.

„Wir müssen sie töten“, hatte J. gesagt und den Besen aus dem Schrank geholt.

Ich hatte den Kopf geschüttelt. „Können wir sie nicht aussetzen. An der Autobahn?“

J. hatte mit den Achseln gezuckt und war mir in mein Zimmer gefolgt. Müll- und Putzeimer im Anschlag.

Was ich auch nicht wusste war, dass Ratten springen können. Und das ziemlich hoch.

Bisher hatte ich nur mit Kakerlaken gerechnet. Mit Spinnen und Eidechsen. An Ratten hatte ich nicht gedacht. Jetzt turnen wir zu zweit über nicht mal acht Quadratmeter, während die kleine graue Ratte immer wieder eine Ecke findet, einen Winkel in der Schreibtischschublade, die wir noch nicht entfernt haben.

„Ich hatte sie“, kreische ich, aber J. haut mit dem Besen in meine Richtung. Der Eimer kippt um und die Ratte verschwindet unter meinem Bett.

„Langsam!“, sagt J.

Ich nicke.

„Wir können sie immer noch einfach töten.“
„Nein!“, knurre ich und hebe die Matratze an.

Schweratmend drückt sich der Nager zwischen Matratze und Rollrost, der lange Schwanz zuckt nervös.

Dann ist sie wieder unter dem Bett, in meiner Reisetasche, zwischen den Schreibtischschubladen, hinter dem kleinen Ventilator. Überall. Nur nicht in meinem kleinen weißen Mülleimer.

„Sie wird müde“, beschließe ich.

Aber dann springt sie doch wieder hinter das nächste Möbelstück.

J. ist zuversichtlich. „Lange kann sie nicht mehr.“

Und schließlich. Sie sitzt unter dem weißen Mülleimer. Ich schiebe einen großen Plastikteller auf die Öffnung und halte ihn fest, während die Ratte drinnen noch einmal alle ihre Kräfte sammelt und gegen die Wände rennt.

J. schließt die Türen auf, während ich die Ratte raustrage. Ich hetze über die Straße, den blauen Plastikteller fest auf den Eimer gedrückt. In der Nähe der Stadtautobahn habe ich das Gefühl weit genug von unserem Haus entfernt zu sein und lasse die Ratte laufen.

Plötzlich sieht sie ganz klein und hilflos aus. Sie drückt sich an die nächste Hauswand und verschwindet in der Nähe der Regenrinne.

Während der Regen langsam stärker wird und J. und ich schnell wieder im Haus verschwinden bin ich froh, die Ratte nicht erschlagen zu haben. Vielleicht kann sie in den kleinen Flecken Park der Stadt ein neues Leben anfangen. Oder sie zieht bei den Nachbarn ein. Im Mülleimer sind Blutspuren und irgendwie nagt trotzdem ein schlechtes Gewissen an mir, dass ich die kleine Ratte einfach auf die Straße gesetzt habe…andererseits habe ich jetzt Ruhe, während ich in meinem Zimmerchen sitze und dem Regen lausche.

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