Tierisches Vergnügen

am

Die Pinguine verpasse ich auch mit T., obwohl sie extra aus Deutschland angereist ist. Puerto Madryn war uns zu teuer und in Iguazú begegnet uns vieles, aber kein Pinguin.
Dafür stehe ich nachts um vier auf Zehenspitzen vor der offenen Badezimmertür, die sich in das Waschbecken verkeilt hat und überlege, ob ich wirklich so dringend muss, dass ich diese Toilette benutzen möchte. Neben der Schüssel sitzt eine Kakerlake und klackert herausfordernd mit ihren Beinen. Anspringen tut sie mich erst, als ich wieder zurück ins Bett schleiche. Auf die Frage, wie ich geschlafen habe, schaue ich T. nur an, während vor unserem Fenster eine argentinische Schulklasse lärmend über das Frühstück herfällt. Das gestaltet sich ähnlich wie unser Zimmer: dreckig und eng. Das, was sie Kaffee nennen, ist kalt, die Stühle sind so dreckig wie die Betten.
„Wir haben doch noch ein anderes Hostel gesehen“, sagt T. „Um die Ecke.“
Wir schmeißen all unsere Sachen in unsere Taschen, checken aus und ziehen um. Belohnt werden wir mit dem herrlichen Geruch nach Putzmittel, sauberen Betten und zwei kleinen Kätzchen. Und keine Stunde später sitzen wir im Bus zu den Wasserfällen an der Grenze zu Paraguay und Brasilien. Nach einem gecancelten Flug, dem Horrorhostel und unserer schlaflosen Nacht atmen wir unisono auf. Trotz des regnerischen Wetters ist der Nationalpark der argentinischen Seite voll von Touristengruppen. Bewaffnet mit unseren Kameras wandern wir die Wege des Parks ab. Kein Pinguin. Nirgendwo.

„Hätte ja sein können“, sage ich entschuldigend, weil ich weiß, wie sehr T. die Frackträger mag.

„Nächstes Mal“, winkt sie ab. „Guck mal lieber in den Baum!“

Um uns herum sitzen Affen in den Ästen der Bäume und schauen neugierig zu uns herunter. Einige der anderen Touristen verstecken hastig ihren Nachmittagssnack. T. und ich versuchen uns an Portraitaufnahmen. Die Affen zeigen sich dabei sehr viel eitler und geduldiger als die Nasenbären, die immer wieder auf dem Weg auftauchen und versuchen, den Besuchern ihr Essen zu entwenden.

„Eine Libelle!“, rufe ich schließlich begeistert, als wir uns den Wasserfällen und ihrem Rauschen langsam nähern.

Schmetterlinge sind zwar schön, aber Libellen haben mir schon immer besser gefallen.

„Regenbogen!“, entdeckt T., die eigentlich gar nicht kitschig veranlagt ist.

Vor uns wälzen sich die dreckigen Wassermengen eine Schlucht herunter. Wasserdampf steigt auf und immer, wenn sich die Sonne hinter einer Wolke hervortraut, tauchen zwischen den Wassermengen Regenbögen in allen erdenklichen Größen auf. Kleine Mädchen quietschen begeistert und Selfie-Sticks werden durch den dichten Wald dirigiert. Wir sehen die Wasserfälle von drei Seiten, stehen direkt über dem Teufelsschlund, in den sie sich stürzen. Es hat die letzten Wochen viel geregnet, der Fluss ist aufgewühlt und dreckig. Die rote Erde erinnert mich an Paraguay und Oklahoma.

Die Reisegruppen um mich herum stören mich, auch wenn ich weiß, dass auch T. und ich ein Teil des Massentourismus sind. Jedenfalls heute. Ich schließe die Augen und versuche, nur noch das Rauschen der Wasserfälle wahrzunehmen. Sonst nichts.

Es klappt.

Tief in meinem Kopf verbuddele ich die Erinnerung an das Rauschen für anstrengende Momente.

Wir schweigen auf dem Rückweg in die Stadt, immer noch berauscht, sozusagen.

Auf die brasilianische Seite schaffen wir es am nächsten Tag nicht. Am Busbahnhof werden uns falsche Informationen gegeben und plötzlich stehen wir am Busbahnhof von Foz do Iguaçu und müssen den letzten Bus nach Argentinien nehmen, anstatt in den brasilianischen Nationalpark zu fahren. Den Vormittag haben wir in Ciudad del Este, Paraguay, verbracht. Die Ausreise zögert sich genauso heraus wie die spätere Wiedereinreise nach Argentinien. Keiner der Grenzbeamten kennt mein Visum. Nur die Paraguayer stempeln und unterschreiben nickend. Die Brasilianer und Argentinier beraten, ändern, blättern.

Zurück im Hostel setzen wir uns auf die Terrasse. Die Sonne scheint, die Kätzchen spielen und endlich führe ich wieder lange Theaterdiskussionen und schwelge in Erinnerungen mit jemandem, den ich länger kenne als seit Anfang des Jahres, jemand mit dem ich Erlebnisse teile, die älter sind als meine Outdoor-Jacke.

Abends essen wir mit den anderen Hostelbewohnern auf der Terrasse. Es gibt Asado. Was auch sonst in Argentinien. Ganz egal, dass das Hostel einem Brasilianer gehört.

Unser Flug zurück in die Hauptstadt am nächsten Morgen ist zwar verspätet, aber immerhin nicht gestrichen wie auf dem Rückflug. Buenos Aires begrüßt uns tatsächlich mit Sonnenschein und A. und E. holen uns am Aeroparque ab. A. winkt und hält ein Willkommensschild in die Luft. Dann brausen wir durch die Stadt.

Jetzt ist es wohl an der Zeit für urbane Abenteuer.

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