Auf der anderen Seite der Anden

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Ich weiß nicht genau, wie und wo ich die Tage in Chile einordnen soll oder wo ich anfangen kann zu erzählen. Am Anfang vielleicht. Dem Flug von Ezeiza nach Santiago, auf dem so viele schreiende Kinder waren, dass ich weder lesen, noch Musik hören konnte. Vielleicht bei meinem Rückflug nach Buenos Aires, vor dem ich am Flughafen einen neuen Lieblingsladen entdeckt habe, der gratis Kaffee ausschenkt. Oder bei dem Wiedersehen mit J., die ich seit dem Tag der Abi-Entlassung nicht mehr gesehen habe.

Jetzt läuft sie etwas spät über die Plaza de Armas in Santiago de Chile und winkt mir zu. Sie hat sich kaum verändert. Nur ihr Spanisch ist besser geworden, was auch wenig verwundert bei einem Studium in Santiago. J. ist jetzt Grundschullehrerin erzählt sie mir, während wir durch Santiagos Straßen wandern und dem Guide unserer Free Walking Tour folgen. Erstmal wird sie jetzt ein Jahr an der deutschen Schule unterrichten.

„Und dann mal sehen“, sagt sie. „Ich möchte reisen. Vielleicht wieder nach Deutschland.“

Zusammen erkunden wir verschiedene Viertel der Stadt, die auch J. noch nicht entdeckt hat. Wir steigen auf den Cerro Santa Lucía und blicken von oben auf Santiago, umgeben von Bergen und bedeckt vom Smog.

Ich kann nicht sagen, dass ich die Stadt besonders schön finde. Wie Buenos Aires scheint sie mir in der Zeit stecken geblieben zu sein, ohne dass ich sagen könnte, wo eigentlich. Wegen der Feiertage ist vieles geschlossen, die Markthallen sind dafür umso voller. J. fährt schließlich in den Süden für ein verlängertes Wochenende. Ich steige in einen Bus und fahre nach Valparaíso. Ans Meer.

Und plötzlich stehe ich dann zumindest mit den Füßen im Pazifik. Um mich herum kreischen die Urlauber, die sich ganz in das kalte Wasser trauen, über mir kreisen Möwen, die ich in Buenos Aires so vermisse. Das Wasser rollt wieder und wieder über meine Füße, rauscht gluckert. Vor mir reicht es bis zum Horizont, fast unberührt. Nur ein paar Schiffe und die Möwen zwischen mir und der unendlichen Weite des Meeres. Jetzt bin ich wirklich da, denke ich. Am anderen Ende der Welt. Auf der anderen Seite.

Ich lächle, schließe die Augen und laufe durch den warmen Sand, das Meerwasser auf der Haut, Salz auf den Lippen. So fühlt sich vielleicht Freiheit an.

In Valparaíso klettere ich die Berge rauf und runter, laufe an Wandgemälden vorbei und streichle die Straßenhunde. Alte, gebrechliche Busse hieven sich die Straßen hoch, Taxi-Collectivos rauschen an mir vorbei. Dazwischen Straßenhändler und billige Geschäfte, die alles und nichts anbieten. Scheinbar fast ganz oben stehe ich dann bei Pablo Neruda auf der Terrasse, blicke auf das Meer, die Berge und den Hafen, alles gleichzeitig. Ich verstehe, warum der Dichter hier wohnen wollte, hier arbeiten konnte.

Zurück in Santiago fehlt mir die Luft, die in Valparaíso so frisch und salzig geschmeckt hat. Dieses Gefühl der Freiheit fehlt mir irgendwie, als ich durch die Großstadt streife und die Waren der Straßenhändler hier begutachte. Am Ende kaufe ich dann auch in Chile wieder paraguayische Kleidung.

Als ich schließlich nach all dem Gratis-Kaffee im Flugzeug sitze und unter mir die Anden vorbeiziehen, weiß ich immer noch nicht, wie ich von dieser Reise erzählen soll. Ich habe in kurzer Zeit so viel gesehen, dass ich meine Eindrücke nicht sortieren kann. Also lasse ich es. Stattdessen blicke ich noch einmal auf die endlosen Berge unter uns und schließe dann die Augen bis zur Landung.

 

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