Illegale Einwanderer

am

Und plötzlich sind wir illegal in Argentinien. K. und ich stehen vor den Grenzbeamten in Posadas und sehen ein wenig hilflos dabei zu, wie die Grenzbeamten wieder und wieder durch unsere Pässe blättern. Auch unsere Visa helfen uns wenig. Es fehlt der Ausreisestempel aus Paraguay.

Draußen hängen bedrohliche Wolken über dem schäbigen Häuschen am Fluss, dass die Grenzkontrolle markiert. Fragend sehe ich zu K. herüber.

Und nun?
Dabei hatte es so entspannt angefangen.

Die Busfahrt von Buenos Aires nach Encarnación haben wir lesend und redend verbracht, begleitet vom rauschenden Cumbia-Klang aus den Boxen über uns. Die Mitarbeiter des Busunternehmens besorgten mir in Tigre ein spontanes vegetarisches Abendessen.  Irgendwo zwischen Entre Rios und Formosa ging die Sonne unter und nach ein paar Stunden wieder leuchtend rot auf. Encarnación empfing uns mit Lärm, roter Erde und 40° im Schatten.

Unsere Unterkunft liegt etwas abseits vom Zentrum. Eine zauberhafte ältere Dame vermietet die ehemaligen Zimmer ihrer Kinder, was uns wohl allen manchmal angedroht wurde. Y. empfängt uns mit Ananas-Saft und gibt uns Ratschläge mit auf den Weg, bevor wir uns auf den Weg in die Stadt machen. Wir laufen an heruntergekommenen Häusern, modernen Neubauten und leeren Flächen vorbei. Überall rote Erde, heiße Luft und Gartenzwerge.

„Das ist garantiert der deutsche Einfluss“, sagt K. irgendwann und macht ein Foto von zwei besonders hässlichen Exemplaren auf einer Bank.

Ich denke an andere deutsche Einflüsse in Paraguay und entscheide, dass ich den Gartenzwerg-Einfluss definitiv bevorzuge.

An der Costanera beschließen wir, dass es zu heiß ist, um länger als ein paar Minuten am Strand zu bleiben. Die Sonne brennt und der Sand am Flussufer glitzert herausfordernd. Also fahren wir mit dem Bus Richtung Argentinien zum Circuito Comercial. Auf der Straße und in zahlreichen Zentren werden hier vor allem Kleidung und Elektronik angeboten und beworben. Der Großteil der Kundschaft kommt aus Argentinien, wir passen also ins Profil.

Erschlagen von der Sonne fallen wir nach dem Abendessen in unser weiches Doppelbett. Wir schaffen es gerade so, die Klimaanlage auszuschalten.

In der Nacht kommt der Regen.

Während Y. uns das Frühstück auf den Tisch stellt, überlegen wir, was wir unternehmen können, während es draußen aus Eimern schüttet. Schließlich beschließen wir, trotzdem vor die Tür zu gehen. Wir schleichen von Dach zu Dach, bis wir endlich an einer Ecke ankommen, an der uns der internationale Bus Richtung Posadas versprochen wurde.

Der Bus kommt. Weiß mit roten Matschflecken.

Er fährt auch nach Posadas, auf der anderen Seite des Flusses, zurück nach Argentinien. Er vergisst nur, erst auf der paraguayischen Seite der Brücke zu halten. Und so stehen wir jetzt ohne Stempel in Argentinien.

„Das kostet eigentlich Strafe“, flüstert K., als wir uns durch die Absperrungen schlängeln um den Bus zurück nach Paraguay zu nehmen. „Sogar ganz schön viel.“

„Gut, dass wir nicht in Deutschland sind, in dem Fall.“
„Da hätten wir zahlen müssen.“
Wir erklären uns einem anderen Grenzbeamten, der Autos kontrolliert. Der nickt und spricht dann die argentinische Familie an, deren Pick-Up er gerade durchwinken wollte: „Che! Nehmt die Mädels mal mit rüber. Die müssen noch mal zu den Migraciones.“
Und so fahren wir mit einer fremden Familie auf Shoppingtour über den Fluss und dann mit dem nächsten Bus wieder zurück. Dann wieder aussteigen, wieder stempeln, wieder warten. Und das alles für einen kurzen Aufenthalt in Posadas, das an diesem Sonntag zu schlafen scheint.

Als wir in Paraguay wieder auf den Bus zurück in die Stadt warten kommt dann die Sintflut.

„Die Welt geht unter“, rufe ich K. zu, während der Regen auf das Wellblechdach über uns trommelt. Im Bus steht das Wasser und läuft durch die Fenster stetig nach. Wir fliehen also in den Supermarkt anstatt die Jesuitenruinen zu besuchen. Fast kommen wir trocken im Innern an.

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Eine Empfehlung von Y. führt uns vor der Rückreise noch zu einer Markthalle, in der es plötzlich sehr südamerikanisch ist. Obst, Gemüse, billige Kleidung und Haustiere werden feilgeboten, außer uns findet sich kein Ausländer in den düsteren Hallen. Ein Gemüsehändler stellt uns seinen Papagei vor, der ihm prompt auf das T-Shirt kackt. Er lacht und wischt mit der Hand über den Fleck. Bei ihm werden wir uns wohl keinen Reiseproviant kaufen.

Auf der Rückfahrt muss sich K. mit einer aufdringlichen Mitfahrerin herumschlagen, die ihr in wenigen Minuten ihre ganze Lebensgeschichte erzählt hat, aber trotzdem nicht aufhört zu reden.

Es gibt kein Frühstück, dafür aber einen wunderschönen Sternenhimmel, der auch ein wenig dafür entschädigt, dass man in Reisebussen so schlecht schläft.

„Eines habe ich gelernt“, sagt K., als wir uns am Retiro verabschieden. „Wenn illegal, dann da oben.“

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