Paradies

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Mein Tagebuch ist aufgeschwemmt von dem Schweiß, der meinen Rücken herunterrinnt. Er perlt von meinen Schläfen über meine Wangen und tropft dann in den Sand. Ab und an erwischt er unterwegs mein Top, das aber schon so nass ist, dass es keinen Unterschied mehr macht. Ich pelle mich aus der nassen Kleidung und lege das Tagebuch und den Rucksack zum Trocknen in die Sonne. Dann trinke ich einen Schluck Wasser, ehe ich mich umblicke.

Das Paradies, schießt es mir durch den Kopf. Es gibt es wirklich.

„Wow“, sagt M., als sie hinter mir aus dem Wald tritt. Sie hält sich die Hand vor die Augen und folgt meinem Blick. „Und ich dachte, der letzte Strand wäre schön.“

Wir stehen im Schatten der Bäume, beide etwas kurzatmig. Vor uns liegt Lopes Mendes, einer der angeblich zehn schönsten Strände Brasiliens. Das Wasser ist kristallklar, die Farbe wie gephotoshopt. Wir sind gute zwei Stunden durch den tropischen Wald der Ilha Grande gewandert, vorbei an Affen und Spinnen, über Wurzeln und riesige Steine geklettert, den Schweiß auf der Haut, in unserer Kleidung, den Haaren, überall.

Aber es hat sich gelohnt.

Vor uns erstreckt sich cremefarbener Sand, noch sind kaum Leute da, wir haben das Hostel früh verlassen. Hinter uns kreischen sich die Zikaden ihrem Tod entgegen, vor uns brechen rauschend die Wellen.

Das Paradies.

Gemeinsam mit M.s Schwester J. und ihrem Freund suchen wir ein schattiges Eckchen und lassen den Tag über uns hinweg waschen. Ich liege abwechselnd auf meiner neuen Canga und lese Boston Jane oder tauche in die türkisfarbenen Wellen.

Seit Mai 2009 haben M. und ich uns nicht mehr gesehen. Ein halbes Leben scheint vergangen , seit wir zusammen in Oklahoma Kühe gezählt haben. Aber wenn wir jetzt nebeneinander am Strand entlangschlendern oder erfolglos versuchen, uns den Sand aus den Haaren zu waschen, ist es, als seien wir nie getrennt gewesen. Wir sind wieder Schwestern mit allen Hochs und Tiefs. Wir bleiben bis zum Morgengrauen wach und nehmen die Welt und ihren Sinn auseinander, wir schweigen, schlafen lange, streiten.

Und reisen.

Am nächsten Tag fährt uns ein Boot von Traumstrand zu Traumstrand. Wir springen direkt von der Reling in die Bucht, schnorcheln mit bunten Fischen und machen Fotos mit schräg gewachsenen Palmen.

„Nein!“, ruft J. plötzlich, als wir an einem der Strände unsere Füße in den Sand wühlen. Sie buddelt und murmelt dabei: „Und bis vor einer Woche wusste ich nicht mal, dass es das gibt.“

Sie lacht und hält uns die Bruchstücke eines Sanddollars entgegen. Ein Sanddollar, wie ich ihn auf die Innenseite meines rechten Knöchelns tättowiert habe. Wir beschließen, aus den Bruchstücken Freundschaftsketten zu basteln, werden sie aber hier vergessen. Stattdessen sind wir am Abend alle verbrannt und können uns nach dem Duschen kaum die Kleidung über die rote Haut streifen.

Aber wir sind glücklich.

Nach einem Weihnachten in der Großfamilie verbringen wir Silvester wieder in Sao Pedro, einem kleinen Bergdorf bei Rio de Janeiro ohne Internet. Wenn ich nicht im Pool plansche und mit M. durch den Garten streife, helfe ich in der Küche beim Backen und kochen, ernte Tomaten und Bananen, die M.s Vater gepflanzt hat oder lese.

Wir tragen kein Weiß zum neuen Jahr, sonder Grün und Gelb. Fröhlich und hoffnungsvoll sind wir, während wir Arm in Arm das Feuerwerk über den Bergen ansehen. M.s Eltern umarmen uns, wünschen uns alles Gute für 2017, J. holt eine Torte aus dem Frost, während ihre kleine Tochter aufgeregt durch das Haus hüpft.

Später schlendern M. und ich durch die unbefestigten Gässchen des Dorfes, Hand in Hand. Zwei helle Punkte in den ersten Stunden des neuen Jahres, die sich ihre Sorgen und Wünsche anvertrauen. 2017 wird uns herausfordern. Wie 2016.

Aber zumindest jetzt in den Bergen sind wir nicht allein.img_0865

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