Die Schöne

am

Ich kann fliegen. Endlich kann ich wieder fliegen. Vor mir reißt das kleine C. den Arm lebensmüde in die Höhe und ich bilde mir ein, ihr Lachen hören zu können, während die Hufe unsere Pferde auf das Gras trommeln.

Wir treiben die Mischlinge mit den für Europäer gewöhnungsbedürftigen Sätteln noch ein bisschen mehr an, bis wir vor der nächsten Brücke eine Vollbremsung hinlegen, diese im Schritt überqueren und auf der anderen Seite gleich wieder losrennen. Mein Pferd, ein dünner kleiner Fuchs, schüttelt den Kopf und schnaubt, als wir nebeneinander her wieder zurück zu dem Gaucho traben, der uns auf unserem Ausritt durch das Umland Saltas begleitet. Er sitzt grinsend auf einem Schecken, einen Strohhalm im Mund und nickt.

img_13031

Pferdemenschen brauchen manchmal eben keine Worte.

Also grinse ich auch das kleine C. nur immer wieder an, während wir an grillenden Familien, Rindern und garantiert nicht Tüv-geprüften LKWs zurück zur Estancia reiten.

Heute gönnen wir uns eine Auszeit. Ein Urlaub vom Urlaub, eine Pause vom Sightseeing. Heute sind wir wieder die Schwestern, die eigentlich nur Pferde im Kopf haben. Auf der Estancia von Enrique eine Stunde außerhalb von Salta gibt es Asado und Wein, alles regional, alles frisch. Die Touristengruppe aus Australien und Neuseeland hat auf den morgendlichen Ausritt verzichtet und ist beim Mittagessen schon laut und angeheitert vom Wein, während wir uns mit Franzosen und Engländern anfreunden und dann wieder auf die Pferde steigen.

Gestern waren wir in Cachi, einem kleinen Kolonialstädtchen südlich von Salta. Wir saßen den ganzen Tag in einem Mini-Bus, haben Schluchten besichtigt und 8-Meter-Kakteen besichtigt. Von jetzt an will ich auch ein Kaktus sein, so begeistert bin ich von der rauen Schönheit dieser unwahrscheinlichen Kreaturen. Aber eben ein reitender Kaktus, der halsbrecherisch durch Flussbetten brettert und mit seiner Schwester händchenhaltend durch die Tabakfelder trabt.

Am nächsten Tag stehen wir wieder früh auf, den süßen Pferdegeruch noch in der Nase, während unsere Zimmergenossen im Hostel noch schlafen. Ein weiterer Tag im Bus erwartet uns. Durch die Anden hindurch fahren wir nach Jujuy zu den Salinas Grandes. In den bläulich schimmernden Salzbecken nimmt C. ein Fußbad. Alles riecht frisch und sieht sauber und klar aus.

Wir klauen eine Hand voll Salz und verschwinden dann wieder in Richtung Salta.

In der Stadt, deren Name aus den indigenen Sprachen stammt und wahrscheinlich „Die Schöne“, La Linda, bedeutet, genießen wir die Ruhe und die Kolonialarchitektur, die in Buenos Aires manchmal verschwunden zu sein scheinen. Vorbei an schmiedeeisernen Straßenlaternen und markanten Giebeln spazieren wir durch die Straßen, die in Argentiniens Städten alle gleich heißen. Wir kaufen Kunsthandwerk und essen hochwertig vegetarisch, während das Hostel alle zwei Tage die Parilla anschmeißt.

Ich erwische mich immer wieder bei dem Gedanken, das Jahr in Argentinien lieber hier im Norden verbracht zu haben. Die Nähe zu den Anden, die Pferde, der Quinoa, den es überall gibt, und die warmen Pullis haben es mir auch beim zweiten Besuch angetan. Vielleicht ist es aber auch nur die Anwesenheit des kleinen C.s, die alles so perfekt scheinen lässt.

Unser Flugzeug hebt schließlich trotzdem ab und fliegt wieder in Richtung Atlantik. Im Gepäck haben wir Gewürze und Pullover. Und Salz. In unseren Herzen trommeln die Hufe noch eine Weile weiter. Dann bringen die Stewards Kaffee und Nüsse und das nächste Abenteuer beginnt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s